Ganz natürlich: Transgender

Von Rolf Butz

Transmensch – haben Sie diesen Begriff schon einmal gehört? Ein Transmensch ist ein Mann, der mit einem weiblichen Körper geboren wurde, beziehungsweise eine Frau, die mit männlichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt gekommen ist. Da die Menschen ja nur die «Verpackung» sehen, werden Transpersonen solange falsch eingeordnet, bis sie sich gegenüber ihrer Umwelt zu ihrem eigentlichen Geschlecht äussern können. Und auch nach dem Coming-out muss man sich immer wieder erklären. Henry Hohmann, Präsident von Transgender Network Switzerland, im Gespräch.

Henry Hohmann, welches sind die grössten und häufigsten Vorurteile gegenüber Transmenschen?
Sehr häufig werden Zweifel an der Geschlechtsidentität geäussert, die ja nach aussen weder sichtbar noch beweisbar ist. Zum Beispiel: «Wie weisst du das?» oder «Das sind doch gar keine richtigen Frauen/Männer, auch wenn sie operiert worden sind.»

Und wie begegnen Sie diesen Vorurteilen? 
Aufklären, aufklären, aufklären…

In welchem Alter merkt man normalerweise, dass man transgender ist?
Das kann man nicht pauschal beantworten. Viele Transmenschen merken bereits in frühester Kindheit, dass sie anders sind. Meist fehlen aber die Worte, um das Unbehagen richtig auszudrücken. Als Kinder erfüllen sie dann oft nicht die von ihrem äusseren Geschlecht erwarteten Rollen und sind häufig Aussenseiter. Andere Personen merken erst in einem höheren Alter, was mit ihnen los ist. Häufig kommt das Coming-out für die Umwelt sehr überraschend, wenn man doch jahrelang als Mann oder Frau gelebt, gar eine Familie gegründet hat. Viele haben dann aber schon ein jahrelanges Versteckspiel hinter sich.

Und WIE merkt man das – wie war das bei Ihnen?
Es ist in erster Linie ein tiefes, inneres Wissen, was man wirklich ist – wie bei jedem anderen Menschen auch. Hinzu kommt das Gefühl, dass man einfach nicht hineinpasst in die Rollenerwartungen, die uns von der Gesellschaft übergestülpt werden, ein Gefühl des ständigen Andersseins. Der Körper hat die falsche Ausprägung und spätestens in der Pubertät entwickelt er sich völlig in die falsche Richtung. Der Moment, in dem man sein Transsein wirklich begreift, wo man ein Wort für seinen Zustand gefunden hat, ist ungeheuer befreiend – auch wenn dann der Kampf erst anfängt…

Was war damals bei Ihnen das Schwierigste?
Das Coming-out gegenüber der eigenen Familie und Partner oder Partnerin ist sicher das Schwierigste. Das sind die Menschen, die einen am längsten und vielleicht besten kennen – und die doch das grösste Geheimnis oft nicht einmal ahnten. Hier spielen oft auch Schuldgefühle eine Rolle und natürlich eine sehr grosse Angst, alles zu verlieren: die Familie, die Freunde, die Arbeit. Transmenschen sind ungeheuer mutige Menschen, weil sie aber auch gar nicht anders können.

Wie hat Ihr näheres Umfeld auf das Coming-out reagiert?
Ausnahmslos gut, da habe ich sehr viel Glück gehabt. Aber die Akzeptanz kommt nicht von heute auf morgen, die Entscheidung wird respektiert, aber bis man von den meisten im wahren Geschlecht gesehen wird, kann es dauern.

Wie leben Sie heute? Und wie bezeichnen Sie sich selbst?
Ich arbeite nach wie vor im selben Job und habe dasselbe Freundesumfeld. Mit meinem Transsein bin ich eher offensiv umgegangen, mir ist Aufklärung und Information sehr wichtig. Für neue Bekanntschaften bin ich einfach ein Mann, im engeren Umfeld oder auch für mich selbst bin ich ein Transmann – sozusagen ein Mann mit einem weiblichen Sozialisationshintergrund.

Wie ist das Leben als Transmensch in der Berufswelt – gilt es da spezielle Hürden zu nehmen, z.B. wenn Sie mit Ihnen noch unbekannten Menschen das erste Mal in Kontakt kommen oder bei Vorstellungsgesprächen?
Kurz nach dem Coming-out sind die Leute natürlich ziemlich gefordert, weil das Geschlecht, mit dem man sich vorstellt und die äussere Erscheinung nicht unbedingt übereinstimmen. Bei Vorstellungsgesprächen oder Bewerbungen kommt hinzu, dass oft die Zeugnisse nicht mit dem heutigen Namen oder Erscheinungsbild übereinstimmen. So muss man sich ständig outen und erklären. Hier sind auch die Arbeitgebenden gefordert, ihren Trans-Mitarbeitenden ein sicheres und verständnisvolles Umfeld zu schaffen.

Hormone, vielleicht sogar Operationen: Ist das Leben als Transmensch ein ewiger Kampf?
Auf jeden Fall ist es eine enorme körperliche und psychische Herausforderung! Sie erfordert Kraft, Zielstrebigkeit und einen enormen Willen, um all dies auf sich zu nehmen, damit man endlich mit sich im Einklang ist – Eigenschaften, die in der Berufswelt ja sehr gesucht werden…! Doch scheint es mir auch wichtig zu bemerken, dass eine nicht geringe Zahl von Transmenschen keine körperliche Angleichung anstrebt. Sie müssen sich ständig outen und für ihr Anderssein rechtfertigen.

Wenn wir die Gesellschaft und deren Vorurteile aussen vor lassen: Ist es für Sie persönlich schwierig, transgender zu sein – oder ist das ganz natürlich?
Natürlich ist es ganz natürlich – ich bin so, wie ich bin. Für mich persönlich war die Zeit des Übergangs trotz allen Schwierigkeiten eine ganz grosse Bereicherung meines Lebens. Ich hatte das Gefühl, endlich bis auf den Grund gesehen zu haben, wo ich bislang immer an der Oberfläche geblieben war. Im Gegensatz zu den meisten Menschen, die mit ihrem Gehirn und ihrem körperlichen Geschlecht im Einklang stehen, habe ich in einem gewissen Mass beide Seiten gesehen.

Welche positiven Erfahrungen haben Sie gemacht, seit Sie entsprechend Ihrer Geschlechtsidentität leben?
Der gesamte Prozess hat mich in meiner Persönlichkeit enorm entwickelt. Jahrelang war ich wie in einem Kokon eingesponnen, der mich in vielen Dingen gehemmt und zurückgehalten hat. Nun bin ich ganz ich, das ist ungeheuer befreiend. Und ich denke, dass sich meine Energie auch auf mein Umfeld überträgt.

Homosexualität scheint als Thema in unserer Gesellschaft sehr präsent. Warum ist das bei Transgender anders?
Homosexualität ist in der Gesellschaft präsent, weil sie immerhin zirka zehn Prozent der Bevölkerung oder mehr betrifft, und weil die Homosexuellenbewegung schon seit vielen Jahrzehnten aktiv gegen Vorurteile arbeitet. Trans betrifft prozentual sehr viel weniger Menschen, aber im Gegensatz zu Schwulen und Lesben lässt sich ihre Identität nach dem Coming-out nicht mehr verstecken, sie sind also eigentlich zumindest eine Zeit lang sehr viel sichtbarer. Erst in den letzten Jahren treten auch immer mehr Transmenschen an die Öffentlichkeit, die über ihren Weg berichten und wichtige Aufklärungsarbeit leisten. Wichtig ist jedoch noch, dass sich dabei auch die Berichterstattung ändert: Weg von sensationslüsternen Vorher-Nachher-Bildern oder Operationsberichten, hin zu einer Berichterstattung, die Platz lässt, die Vielfalt von Geschlecht und Lebenswegen darzustellen.

Was wünschen Sie sich von der Gesellschaft?
Unsere Gesellschaft wird immer noch von tiefgreifenden Stereotypen beherrscht, die festschreiben, wie Männer oder Frauen zu sein haben. Das Aufbrechen der überkommenen Geschlechterrollen könnte auch dazu führen, dass Transmenschen ohne Angleichung oder solche, die zwischen den Geschlechtern leben, besser akzeptiert werden. Die Biologie weiss es schon lange: Es gibt mehr als nur die zwei Geschlechter. Die Gesellschaft muss dies noch lernen. Ganz konkret gesagt: Ich wünsche mir mehr Unterstützung und Offenheit für Transmenschen. Trans muss einfach als vollkommen normale Geschlechtsvariante gelten, und nicht als psychisch krank, nicht als bedauernswerte Kreaturen – das alles werden viele erst durch ihr Leiden an den gesellschaftlichen Umständen.

Wo besteht aktuell der grösste Handlungsbedarf?
Transmenschen fast überall auf der Welt – auch in der Schweiz – werden gezwungen, sich für die rechtliche Anerkennung ihres eigentlichen Geschlechts sterilisieren zu lassen. Das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit wird hierbei massiv verletzt, die Möglichkeiten auf Familiengründung eingeschränkt. Transmenschen stehen durch ihre blosse Existenz im Widerspruch zu klaren und einfachen Geschlechterverhältnissen – und das ist auch gut so!

Henry Hohmann stammt aus der Nähe von Frankfurt am Main. Er studierte Kunstgeschichte, u.a. in Berlin und Rom. Seit zwölf Jahren lebt er mit seinem Mann in Bern. Er arbeitet als wissenschaftlicher Redaktor an einem Museum und ist Präsident von Transgender Network Switzerland, der Lobbyorganisation.von Transmenschen für Transmenschen.  www.transgender-network.ch

Quelle: Wir Kaufleute, Mitgliederzeitschrift des KV Zürich.

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