Teil II: Was wollen wir eigentlich?

Häufig kommt die Frage auf, worum heutzutage überhaupt noch gekämpft werden muss. Haben wir als LGBTI+ Community im Allgemeinen und trans Menschen im Speziellen nicht schon alles erreicht, was es braucht zur Gleichberechtigung? Klar, die Eheöffnung fehlt noch, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Und ein paar engstirnige Menschen wird es immer geben, aber gerade hier in diesem fortschrittlichen Land ist doch eigentlich alles bestens!

So oder so ähnlich denken viele Menschen. Sie glauben, Transfeindlichkeit wäre eine Frage des Charakters und mit dem unaufhaltbaren gesellschaftlichen Fortschritt würde sich dieses Problem von alleine erledigen. Leider ist das nicht so.

Die Probleme liegen in strukturellen Ungleichheiten, nicht in der Einstellung einer Handvoll von Leuten. Auch wenn man trans Menschen gegenüber positiv eingestellt ist, heisst das nicht, dass ihr Leben dadurch unmittelbar einfacher wird. Toleranz alleine verändert nichts, denn gesellschaftlicher Wandel ist kein passiver Prozess. Dass es wir mittlerweile viel erreicht haben, ist kein Zufall oder Glück, sondern das Resultat harter Arbeit und persönlicher Opfer. Wie etwa das Frauenwahlrecht wurden und werden die Rechte der trans Gemeinschaft erkämpft und errungen. Dabei gab es grosse Siege, auf die wir auch ordentlich stolz sein dürfen. Zum Beispiel wurde im letzten Jahr die Zwangssterilisation von trans Menschen als Grundlage für die Änderung des Personenstandes verboten.

Aber damit ist es noch längst nicht getan. Vielen ist gar nicht bewusst, auf welchen Ebenen trans Menschen in der Schweiz noch immer diskriminiert und marginalisiert werden.

Rechtliche Lage

Tatsächlich belegt die Schweiz in Sachen trans Rechte im gesamteuropäischen Vergleich keinen besonders guten Platz. Warum, könnt ihr hier im Trans Rights Europe Index nachvollziehen. Viele Dinge sind momentan in Arbeit, von der gezielten Ahndung von Hassverbrechen, über eine erleichterte Änderung des Personenstandes bis zur Debatte um einen dritten Geschlechtseintrag. Aber momentan sind viele Punkte noch in der Schwebe und längst nicht sicher.

Medizinisches Fachpersonal

Neben der Rechtslage ist auch die medizinische Situation nicht einfach. Ein Grossteil der Menschen, die im Gesundheitsbereich arbeiten, ist noch immer nicht angemessen geschult und erfahren im Umgang mit trans Menschen. Kenntnisse über Trans* entspringen oft privater Weiterbildung. Damit ist nicht nur eine Kenntnis über spezifische Eingriffe und Behandlungsmöglichkeiten gemeint, sondern auch allgemein Empathie, Rücksicht und Höflichkeit gegenüber trans Patient_innen. Medizinische und therapeutische Betreuung kann nur dann funktionieren, wenn  das Personal dementsprechend geschult ist. Momentan ist es immer noch eine Frage von Glück, an welche Person jemensch gerät, und was für eine Art von Behandlung daraus folgt.

Und auch gesellschaftlich ist es längst nicht so rosig, wie viele meinen.

Medienrummel

Trans Menschen stehen vermehrt im Licht der Öffentlichkeit. Besonders Berichte über Einzelpersonen mit Fokus auf die Transition sind sehr beliebt. Es könnte also der Eindruck entstehen, dass dies ein Zeichen von Fortschritt und Akzeptanz sei. Und tatsächlich gibt es auch immer öfter spannende und originelle Berichte. Leider dürfen wir nicht zu optimistisch sein. Zwar ist das Interesse gross, aber die Rücksicht und Verantwortung in der Berichterstattung bleiben dahinter weit zurück. In allgemeinen Beiträgen werden trans Menschen vergessen oder ignoriert, in trans-spezifischen Beiträgen werden sie als Sensation oder Skandal verkauft. Auch die besten Absichten von Medienschaffenden münden noch immer häufig in faulen Kompromissen, die als notwendig dargestellt werden.

So lange trans Menschen als Thema, aber nicht als Teil des Zielpublikums gesehen werden und auch auf Seiten der Medienschaffenden nicht stärker vertreten sind, verharrt die Berichterstattung auf diesem Niveau.

Arbeit und Anerkennung

Gerade auf dem Arbeitsmarkt werden die vielen impliziten gesamtgesellschaftlich verankerten Vorurteile trans Menschen gegenüber deutlich. Viele sagen, dass sie kein Problem mit trans haben, aber wenn es dann darum geht, eine Position in der Rechtsabteilung des lokal ansässigen Unternehmens zu besetzen, stellt man doch lieber den_die cis Bewerber_in ein, weil sich damit vermeintliche «Probleme» im Vornherein ausschliessen lassen. Laut einer TGNS-Umfrage von 2017 wurden dann auch 10% der Befragten nach ihrem Coming-Out am Arbeitsplatz gekündigt. Weitere 9% kündigten selbst. Das sind alarmierende Zahlen die so nicht hinnehmbar sind.

Dies führt dazu, dass trans Menschen vermehrt arbeitslos und dadurch besonders gefährdet für Isolation und Prekarisierung sind. (Weitere Infos zu «Trans und Arbeit» auf transwelcome.ch)

Geschlechternormen

Hinzu kommt die streng binäre, heteronormative Doktrine in den Schulen. Schon kleine Kinder lernen, dass es rosa und blau, Mädchen und Jungen gibt und diese Denkweise setzt sich oftmals in der Berufswahl und dem späteren Leben unreflektiert fort.

Zudem werden Menschen, die rein körperlich nicht in das binäre Geschlechtersystem passen, zwangsweise passend gemacht: Zwar sind Zwangssterilisationen von trans Menschen seit diesem Jahr abgeschafft worden, intergeschlechtliche Kinder werden in der Schweiz allerdings noch heute, bevor sie selbst ihre Geschlechtsidentität äussern können, zwangsoperiert und einem «eindeutigen» Geschlecht zugewiesen (siehe auch Zwischengeschlecht oder Interaction Suisse). Trans* und Inter sind zwar nicht deckungsgleich, aber sie sind doch eng verbunden und haben grosse Überschneidungen.

Der Zwang, alle Menschen in in Mann oder Frau einteilen zu wollen und dies an beliebigen äusseren Merkmalen festzumachen, schadet trans, inter, non-binären UND auch cis Menschen, die selbst zufrieden sind ihrer zugeteilten Geschlechtsidentität.

Morgen geht es weiter mit Teil III: Welche Organisationen helfen?


An folgenden Orten finden am 20. November Mahnwachen zum TDoR statt:


 Teil 1: Geschichte des TDoR

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